Was bedeutet Migration aus Verpackungen in der Lebensmittelbranche?

von Thomas Zydeck | 06.09.2026 | HACCP Hygiene, QM in der Praxis

Migration aus Verpackungen bedeutet, dass Stoffe aus dem Verpackungsmaterial in dein Lebensmittel übergehen. Das ist bis zu einem gewissen Grad normal und erlaubt, solange die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden. Kritisch wird es, wenn zu viel oder der falsche Stoff wandert, denn dann kann das Lebensmittel unsicher werden.

Was ist Migration aus Verpackungen genau?

Migration ist der Übergang von Stoffen aus einem Material in das Lebensmittel, das damit in Kontakt steht. Fachlich zählen Verpackungen zu den Lebensmittelkontaktmaterialien beziehungsweise Bedarfsgegenständen.

Ein gewisser Stoffübergang aus Verpackungen ist praktisch nie ganz vermeidbar. Der Gesetzgeber verlangt deshalb nicht „null", sondern sichere Mengen. Solange nichts in gesundheitlich bedenklichen Mengen wandert und der Geschmack nicht leidet, ist alles im grünen Bereich.

Wandern kann vieles: Weichmacher, Farbbestandteile aus dem Druck, Reste aus der Produktion oder Metalle aus Legierungen. Wie viel übergeht, hängt vom Material, vom Lebensmittel und von den Bedingungen ab.

Welche gesetzlichen Anforderungen gelten bei Migration aus Verpackungen?

Die Grundregel steht in der EU-Rahmenverordnung (EG) Nr. 1935/2004. Danach dürfen Materialien mit Lebensmittelkontakt keine Stoffe in Mengen abgeben, die die Gesundheit gefährden, das Lebensmittel unzulässig verändern oder Geschmack, Geruch und Aussehen beeinträchtigen.

Ergänzt wird das durch die gute Herstellungspraxis nach Verordnung (EG) Nr. 2023/2006. Für Kunststoff gilt zusätzlich die Verordnung (EU) Nr. 10/2011 mit einer verbindlichen Positivliste zugelassener Stoffe.

Zwei Grenzwerte solltest du kennen:

  • Gesamtmigrationsgrenzwert (OML): die Summe aller übergehenden Stoffe, in der Regel höchstens 10 Milligramm je Quadratdezimeter Kontaktfläche (in bestimmten Fällen 60 mg/kg Lebensmittel).
  • Spezifischer Migrationsgrenzwert (SML): ein eigener Grenzwert für einzelne, kritische Stoffe.

National kommt in Deutschland das Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) dazu. Für Materialien ohne eigene EU-Verordnung, etwa Papier, Karton, Metalle, Glas, Silikon oder Beschichtungen, gelten die Rahmenverordnung und als Stand der Technik unter anderem die Empfehlungen des BfR.

Konformitätserklärung: der wichtigste Nachweis

Für viele Materialien muss auf allen Stufen außer dem Einzelhandel eine schriftliche Konformitätserklärung vorliegen. Sie bestätigt, dass das Material die Vorgaben einhält, und für welche Verwendung es gedacht ist. Als Betrieb ist dieses Dokument dein bester Beleg gegenüber einer Prüfung.

Wo liegen die typischen Schwachstellen bei Migration aus Verpackungen?

In der Praxis geht es selten am Grenzwert selbst schief, sondern am Umgang damit. Diese Klassiker tauchen immer wieder auf:

  • Die Konformitätserklärung fehlt, ist veraltet oder liegt für das falsche Produkt vor.
  • Verpackung wird zweckentfremdet, zum Beispiel ein Behälter für kalte Ware in der Mikrowelle.
  • Einwegverpackungen werden mehrfach benutzt, obwohl sie dafür nicht geprüft sind.
  • Recyclingkarton mit Mineralöl-Rückständen kommt in direkten Kontakt mit fettigem Essen.
  • Druckfarbe auf der Außenseite wandert durch dünnes Material auf die Innenseite.
  • Niemand fragt beim Lieferanten nach, ob das Material zum konkreten Lebensmittel passt.

Gibt es Temperaturvorgaben und wann wird Migration gefährlich?

Eine einzelne, allgemeingültige Temperaturgrenze gibt es nicht. Als Faustregel gilt aber: Je heißer und je länger der Kontakt, desto mehr Stoffe wandern. Genau deshalb wird bei Migration aus Verpackungen die Temperatur zum entscheidenden Faktor.

Auch das Lebensmittel spielt mit. Fettiges, saures oder alkoholisches Essen löst mehr aus dem Material als trockene Ware. Migrationsprüfungen bilden deshalb immer den ungünstigsten vorhersehbaren Anwendungsfall ab, mit passender Temperatur, Zeit und Prüfmedium.

Kritisch wird es vor allem hier:

  • Heiß abfüllen, erhitzen, Mikrowelle oder Backofen, obwohl die Verpackung dafür nicht freigegeben ist.
  • Beschichtungen über ihre zulässige Gebrauchstemperatur hinaus nutzen (je nach Empfehlung teils bis rund 230 °C als Orientierung).
  • Fettiges Essen lange und warm in einer nur für kalte, wässrige Ware geprüften Verpackung lagern.

Der Schlüssel heißt bestimmungsgemäße Verwendung. Nutze jede Verpackung genau so, wie es die Konformitätserklärung vorsieht, dann bleibt die Migration im sicheren Rahmen.

Was ändert sich gerade bei BPA, PFAS und Co.?

Beim Thema Verpackung ist viel in Bewegung. Am bekanntesten ist das Verbot von Bisphenol A (BPA) durch die Verordnung (EU) 2024/3190. Sie gilt seit dem 20. Januar 2025.

Für viele Einwegprodukte endet die wichtigste Übergangsfrist am 20. Juli 2026. Für bestimmte Mehrweg- und Industrieanwendungen laufen längere Fristen, teils bis 2028. Die genauen Fristen und Ausnahmen prüfst du am besten aktuell beim BMLEH oder bei der zuständigen Stelle.

Parallel bringt die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR) Vorgaben zu PFAS in lebensmittelnahen Verpackungen. Einen kompakten Überblick zu Migration aus Verpackungen und den neuen BPA- und PFAS-Regeln 2026 findest du in unserem separaten Beitrag.

Wie behältst du Migration aus Verpackungen im Betrieb im Griff?

Du musst kein Labor betreiben, aber deine Nachweise ordnen. Ein paar einfache Routinen bringen dich weit:

  • Konformitätserklärungen zu jeder Verpackung anfordern und griffbereit ablegen.
  • Beim Einkauf klar sagen, wofür die Verpackung gedacht ist: heiß, kalt, fettig, sauer.
  • Verpackungen nur bestimmungsgemäß verwenden und Einweg nicht mehrfach nutzen.
  • Lieferantenwechsel und neue Materialien dokumentieren, damit die Rückverfolgbarkeit steht.

Am saubersten läuft das, wenn diese Nachweise Teil deiner Eigenkontrolle in der Gastronomie sind. Dann liegt bei einer Prüfung sofort alles vor, statt in drei verschiedenen Ordnern zu schlummern.

Häufige Fragen zur Migration aus Verpackungen

Was ist der Unterschied zwischen Gesamtmigration und spezifischer Migration?

Die Gesamtmigration misst die Summe aller Stoffe, die aus der Verpackung übergehen, und wird auf die Kontaktfläche bezogen. Die spezifische Migration betrachtet dagegen einen einzelnen, gezielt bewerteten Stoff mit eigenem Grenzwert. Beide Werte müssen eingehalten werden, damit ein Material als sicher gilt.

Welche Verpackungen sind bei Migration besonders kritisch?

Auffällig sind vor allem Materialien für heißes oder fettiges Essen, beschichtete Konservendosen sowie Recyclingpapier und -karton mit möglichen Mineralöl-Rückständen. Auch bedruckte Verpackungen und wiederverwendete Einwegbehälter bergen Risiken. Entscheidend ist am Ende immer die Kombination aus Material, Lebensmittel und Temperatur.

Erhöht Erhitzen die Migration aus Verpackungen?

Ja. Höhere Temperatur und längerer Kontakt lassen mehr Stoffe wandern. Deshalb ist es riskant, Verpackungen zu erhitzen, die dafür nicht freigegeben sind, etwa in der Mikrowelle oder im Ofen. Nutze für heiße Anwendungen nur Materialien, die laut Konformitätserklärung genau dafür geeignet sind.

Was ist eine Konformitätserklärung und brauche ich die?

Die Konformitätserklärung ist ein schriftlicher Nachweis, dass eine Verpackung die rechtlichen Vorgaben erfüllt und wofür sie gedacht ist. Für viele Materialien ist sie auf allen Stufen außer dem Einzelhandel Pflicht. Als Betrieb solltest du sie zu jeder Verpackung vom Lieferanten anfordern und aufbewahren.

Ist BPA in Verpackungen noch erlaubt?

Die absichtliche Verwendung von Bisphenol A in Lebensmittelkontaktmaterialien ist seit dem 20. Januar 2025 grundsätzlich verboten. Für bestimmte Anwendungen gelten Übergangsfristen, teils bis 2026, teils länger. Ob dein konkretes Produkt betroffen ist, klärst du am besten mit deinem Lieferanten und der aktuellen Rechtslage.

Fazit: Migration verstehen, sauber dokumentieren

Migration aus Verpackungen ist kein Grund zur Panik, aber ein Punkt, den du aktiv steuern solltest. Wer die Grenzwerte kennt, Verpackungen bestimmungsgemäß nutzt und seine Nachweise ordnet, ist auf der sicheren Seite. Unsicher, ob deine Verpackungen und Nachweise passen? Lass uns kurz über deine Prozesse sprechen und schauen, wo QMSpot dir die Dokumentation einfacher macht.

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